Neben dem neuesten vierteljährlichen Brief finden Sie auf dieser Seite auch die Archive vergangener Briefe, die im PDF-Format (Acrobat) heruntergeladen werden können, die neuesten Besuchsberichte unseres Direktors und die externen Bewertungsberichte.

BRIEF AN DIE FREUNDE VON SCHWESTER EMMANUELLE

« Auf welchem Kontinent auch immer, der größte Wunsch, ein wesentliches Bedürfnis des Armen ist es, respektiert zu werden. Jedem Menschen mit Respekt zu begegnen ist die unabdingbare Voraussetzung für jegliches humanitäre Handeln. » (Schwester Emmanuelle)

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

Jean Claude Francois, der Koordinator unserer Projekte in Haiti, ist Mitte Februar nach zwei Monaten vor Ort nach Genf zurück gekehrt. Hier ist sein Bericht:

« Vier große Städte werden von Banden kontrolliert, welche die Rolle der Polizei, der Gerichte und der Steuereintreiber übernommen haben. Die Rebellen geben sich geschlagen!
Die Taxichauffeure sind wahre Experten im Entnehmen von Organen: Man findet die Leichen ihrer Kunden später in abgelegenen Felder, manchmal angefressen von halbverhungerten Hunden.

Anfang Februar wurde der 2024 ernannte Präsidialrat aufgrund der Forderung des Volkes und der Vereinigten Staaten aufgelöst, welche drei Kriegsschiffe in den Hafen von Port-au-Prince schickten (um ihre Interessen im Land im Falle eines Bürgerkriegs und einer massiven Fluchtbewegung von Haitianern  Richtung USA zu wahren).

Bürger, die es konnten, verließen das Land.

Landwirte bauen nur das Notwendige an, denn die Banditen bedienen sich oft an ihrer Ernte. 80% der Lebensmittel werden importiert (aus den USA und der Dominikanischen Republik). Der Preis für Treibstoff hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht. Ein Sack Zement ist heute viermal so teuer wie vor zwei Jahren.

Schlecht gestellte arbeitslose Jugendliche laufen jeden Tag Gefahr, gewaltsam in das Netzwerk der Mafia eingegliedert zu werden. 70% der Mitglieder in den 26 mächtigsten Banden sind unter 20 Jahre alt.

Trotz dieser schrecklichen Umstände nahmen unsere Projekte in Hinche keinen Schaden und das Personal hat den Mut nicht verloren.

Enlight3576Die 2010 in Hinche gegründete Universität Jean Price-Mars hat bis jetzt in drei Durchgängen Studenten ausgebildet: Bis heute haben 255 Personen ihren Abschluss in so unterschiedlichen Fächern wie Betriebswirtschaft, Buchhaltung, Landwirtschaft, Ziviltechnik, Theologie und Krankenpflege geschafft. Alle Absolventen haben teils im Land selbst und teils im Ausland Arbeit gefunden.

53 KrankenpflegerInnen, die durch mehrere Jahre von unserer Universität ausgebildet wurden, haben 2025 die Staatsprüfung des Gesundheitsministeriums bestanden (Erfolgsquote 78%).
                                                                                                     Foto: Diplomverleihung für KrankenpflegerInnen im Jänner 2026

Im Jänner wurde auf Bitten von etwa 30 Jugendlichen aus von den Banden verwüsteten Dörfern, deren Schulen geschlossen wurden, eine medizinische Ausbildungsstätte gegründet.            (Foto : Ein Klassenzimmer an der neuen Jean Price Mars University School of Medicine)
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Diese zählt im Augenblick 360 Studenten bei einem Personal von 37 Professoren und 9 Angestellten.
Zwei Schulbusse zu je 72 Sitzplätzen wurden aus den USA importiert, um die Studenten, die mehr als eine Stunde Fußmarsch vom Stadtzentrum hatten, zur Universität zu bringen.

Die Schule Bethesda zählt  200 Straßenkinder in der Unterstufe und 350 in der Oberstufe.
Zusätzlich zum Gratisunterricht erhalten sie jeden Tag eine warme Mahlzeit von Food for the Poor, einer NGO.
Im Jahr 2025 brachten die Orientierungsprüfungen eine Erfolgsquote von 92%.

Die 22 in Betrieb befindlichen Tageskliniken führten im Jahr 2025 mit 44 Angestellten 8 755 Untersuchungen durch, obwohl es für die Angestellten sehr schwierig ist, sich zur Arbeit in die ländlichen Gebieten zu begeben. Dreimal pro Jahr wird für das medizinische Personal eine halbtägige Fortbildung organisiert. Da die bescheidenen Gebäude unserer Gesundheitseinrichtungen zwischen 1997 und 2000 errichtet wurden, werden Reparaturarbeiten notwendig. 2025 wurden 10 Kliniken renoviert, heuer sind sie für 11 Gebäude geplant.

Die Kosten für eine Behandlung betragen im Schnitt 0,70 CHF dank der Herstellung von Medikamenten aus Medizinalpflanzen in unserem Labor und deren kostenfreier Verteilung.

Das Labor Phyto-Cosmos beschäftigt vier Angestellte, darunter einen Spezialisten. Unser Arzneibuch umfasst mehrere Dutzend Arten von Medizinalpflanzen im Wald oder auf den Plantagen. Die Nachfrage ist im Jahr 2025 auf 333 Liter Medizin für 2 464 Behandlungen gestiegen. Auch andere Organisationen bestellen in unserem Labor.
Diese Medikamente helfen vielen Menschen in den Städten und auf dem Land, denn der Preis der importierten Medikamente ist äußerst hoch. Außerdem ist eine gewisse Knappheit konventioneller Medikamente auf dem Markt festzustellen: die Erhöhung der Zollkosten hat die Importe gebremst.

Unsere 25 ha große Farm ist sowohl ein Produktionszentrum als auch eine Ausbildungsstätte für Jugendliche. Sie wurde im Jahr 2025 wegen der unsicheren Lage auf den Straßen nicht sehr in Anspruch genommen. Es ist unmöglich, unsere Mangos (15 000 Bäume) zum Verkauf nach Port-au-Prince zu bringen. Banditen stehlen die Ware und sogar die LKWs auf den Straßen. Dasselbe gilt für das Zuckerrohr, das auf 16 ha wächst. Um das Verderben der Früchte vor Ort zu vermeiden, laden wir die Ortsbewohner ein, sich gratis zu bedienen.
Die Farm hat 12 Angestellte, die sich um die 25 Kühe, die 12 Bienenstöcke und die 6 ha angebauter Medizinalpflanzen kümmern. Mehrere Bienenstöcke sind den Asiatischen Hornissen im Land zum Opfer gefallen. Trotzdem konnten 19 Liter Honig geerntet werden.

Der im Jahr 2025 gegrabene Brunnen liefert Trinkwasser für die Universität und das Hotel. Seine Leistung liegt bei 114 Litern pro Minute.“

Wir danken dem unermüdlich arbeitenden Jean Claude für sein außerordentliches Engagement. Wir sind sehr beeindruckt von der Leistung der Teams vor Ort unter diesen chaotischen Umständen.
TWINT Individueller Betrag DEIhre Spenden und Ihre Unterstützung werden wärmstens willkommen geheißen!  

Frohe Ostern!      

Patrick Bittar
Direktor